vom Weltverbessern, Entrümpeln, Konsumverzicht und Lebensglück ...

mein Blog vom Entrümpeln, Konsumverzicht, Ausmisten, Downshiften, Minimalismus oder so :) Bis zum Ende des Jahres sollen es 1.000 Teile weniger sein!

Freitag, 29. Januar 2016

die alten Tagebücher

Entrümpeln ist weiterhin mein Thema.
Seit dem Herbst ging ich mit einem Entrümplungsgedanken schwanger, den ich dann nun endlich umgesetzt habe.

Es war so, dass ich mit meiner Schwester zu meiner Mutter kam, als diese gerade mit einer neuen Pflegerin zusammenstand und ihr etwas zeigte.
Ich wurde umgehend mit ins Gespräch gezogen, denn meine Mutter hatte so eine liebe Erinnerung gefunden:
einen total süßen Brief, den ich als Grundschülerin meiner Omi geschrieben hatte!

Die Pflegerin drückte mir den Brief in die Hand und mir wurde übel.
Ich dachte, mir hätte jemand den Boden unter den Füßen weggezogen und ich war wieder das kleine dumme, dumme, dumme! Gör!!!
Meine Schwester nahm mir den Brief aus den Händen und ich lächelte den Horror-Moment weg.
Schluckte, lächelte, schluckte, lächelte und lächelte auch die höflich interessierten Fragen der Pflegerin weg.
Glücklicher Weise übernahm meine Mutter das fröhliche Geplapper, wie süß ich damals doch war.
Entzückend!
(du dummes, dummes, dummes! Gör!!!)
Als wir das Haus wieder verließen, stellte meine Schwester 1.000 Fragen zu dem entzückenden Brief.
Zu der Zeit, als ich diesen Brief schrieb, war sie noch nicht meine Schwester gewesen.
Die kleinen Wunder der modernen Patchwork-Familien ... :)
Ich brach nun endlich Tränen aus.
Himmel! Ich hatte diese hochnotpeinlichen Diktate völlig vergessen.
Meine Mutter diktierte diese entzückenden Briefe nämlich und korrigierte sie auch mit einem fetten Rotstift.
"So viele Fehler! Da wird die Oma aber weinen, wie blöd du bist!"
Und dann wurde der mit Rotstift korrigierte Brief in einen Umschlag gesteckt und meiner kleinen Oma geschickt.
Ich weiß nicht, wie viele Briefe je geschrieben wurden, denn wie gesagt, ich hatte das Ganze völlig vergessen.
Und jetzt war diese Erinnerung wieder da, nahm mir die Luft und katapultierte mein Gefühlsleben zurück in eine Zeit, die ich nicht als "Bullerbü" beschreiben würde.

Aber an meiner Seite war nun gerade meine große Schwester und stellte 1.000 Fragen - die mir gut taten.
Ich wäre mit lächeln, schlucken, lächeln, schlucken ... zurecht gekommen, aber ok, drüber reden, meine Wut äußern, war auch mal nett. Aber gleichzeitig: ich habe ja auch wirklich viele Fehler gemacht, schämte ich mich, (dummes, dummes, dummes! Gör!!!)
Ist es nicht erstaunlich, wie man so etwas völlig und komplett vergessen kann?
Nun war es wieder da:
die Angst, die ich umgehend verspürte, wenn meine liebe Mutti die Idee hatte, mal wieder ein Diktat zu schreiben.
Sie ist nicht sehr geduldig und sie nimmt jeden Fehler persönlich.
Fehler mache ich nämlich nur um sie zu ärgern!
Sie begann immer ganz fröhlich. Völlig überzogen fröhlich.
Ich wusste beim ersten diktierten Wort schon, dass so lange diktiert würde, bis ich Fehler machte und dass es dann wieder zu Geschrei und gern auch Ohrfeigen kam.
Vermutlich saß ich entsprechend verstockt, bockig, erstarrt am Tisch und es gibt einfache Worte, die mich bis heute gruselig beeindrucken.
Rechenbücher, Tisch - ich war kein Genie, was ch und sch anging.
Ich war halt ein dummes, dummes, dummes! Gör!!!
Meine Schwester fuhr mit der Frage nach meinem Alter zwischen diese Gedanken.
Der Brief hatte ein Datum getragen und so war es einfach - ich war 7 Jahre alt, als ich diesen Brief diktiert bekam.
7?!
Sieben?!
Gerade sieben Jahre alt.
"Und in welchem Schuljahr warst du da?"
und
"Der Brief war aber ganz schön lang! Du konntest mit sieben Jahren schon ganz schön lange Texte schreiben!"

Tja, vielleicht war es ganz schön hilfreich für mich, dass die Sache mit den Briefen wieder an die Oberfläche meiner Erinnerungen gezerrt und aufgearbeitet wurde.
Andererseits hätte ich an dem Tag einfach einen schönen Tag mit meiner Schwester haben können, statt mich plötzlich wieder im Bombenkeller meiner Kindheit wiederzufinden und mit glasigen Augen, zittriger Stimme und rotziger Nase darin herum zu tappen.
Ich würde mich jetzt lieber an einen schönen Tag mit meiner Schwester erinnern.

So, und was ich jetzt nach all der Vorgeschichte entrümpelt habe?
Nicht den entzückenden Brief - den hat noch immer meine liebe Mutter und in ihr löst er wohl so ganz andere, viel schönere Erinnerungen aus, als in mir.

Nein, nachdem ich wieder zuhause war, fiel mein Blick einmal bewusst auf meine Tagebücher.
So lange ich mich erinnern kann, habe ich Tagebücher geschrieben - immer mit dem Gedanken, da irgendwann mal reinzuschauen, wenn ich "alt" bin und die Kinder groß sind.
Ich sah mich mit einer Wolldecke im Sessel sitzen und die Tagebücher lesen, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind.


Was soll ich sagen?!
Mein Sohn steht kurz vor dem Abi und wird dann ausziehen.
Und ich?

Ich habe wirklich nicht die geringste Lust meine Versöhnung mit meiner Vergangenheit durch Fakten zu zerstören.
Wie ist es mit Euern Erinnerungen?
Ich habe viele, wunderschöne Erinnerungen - ich beherrsche den Slalom um weniger schöne Ereignisse wohl im Schlaf.
Was meine Kindheit angeht, habe ich ein paar gut behütete Rosinen und ansonsten ein "schön, dass sie vorüber ist!"
Ach, ich liebe zB die Erinnerung, wie sehr sich mein Opa gefreut hat, als er meinen Stiefvater kennenlernte!
Die ist sehr schön.

Leider ... habe ich dies einmal geäußert, als "Zeitzeugen" anwesend waren, die mir dann freundlich sagten, dass mein Opa gestorben war, bevor der Stiefvater in mein Leben trat.
Keine Ahnung, weshalb ich mich an Dinge erinner, die nie passiert sind - aber insgeheim mag ich diese Erinnerung noch immer und bin gar nicht dankbar, dass man sie durch Fakten getrübt hat.

Wer weiß, was für Fakten noch alles in meinen Tagebüchern lauern?!
Und wenn ich das dann lese, ist meine Schwester nicht gerade anwesend (und hat vielleicht auch gar keine Lust auf irgendwelche Geister längst vergangener Weihnachten ...)
Dazu kommt, dass ich vieles evtl. selbst schon "therapeutisch" geschrieben habe.
Also vielleicht nicht ganz sachlich, sondern gerade erzürnt, frustriert, depressiv ... oder wah, völlig verklärt, verliebt, naiv ...

Ich bin heute eine durchaus zufriedene Frau - sehr gern im Hier und Jetzt.
Und ich schätze mein Erinnerungsvermögen für seine Sortierarbeit und ein paar Schnörkel, die es evtl. aus ein paar Filmen und Büchern gepflückt und in meine eigene Vergangenheit gepflanzt hat.
Ich bin sehr sehr froh, dass ich meine Jugend in den 80ern 90ern ausgetobt habe und es keinerlei Handyfotos oder Facebook-Erinnerungen an die Zeit gibt.

Tja, und nun gibt es auch all diese Tagebücher nicht mehr.
Ein paar Kilo Vergangenheit weggeschmissen um mehr Raum, Zeit, Ruhe für die Gegenwart zu haben!
Ein "Wegwerf", der sich wirklich gut anfühlt - ich bin "erleichtert".

Und ist es nicht bezeichnend, dass ich die Tagebücher in meinem Bettkasten aufbewahrt habe.
Also immer drauf geschlafen habe?

Sie fühlte sich gut an, die erste Nacht, in der die Tagebücher nicht unter mir lauerten, wie der weiße Hai ...

Kommentare:

  1. Hallo Carola,

    da hast Du eine sehr mutige Entscheidung getroffen,
    herzlichen Glückwunsch, das ist ja klasse.
    Der Ballast der Jahre, den braucht man nicht lebenslänglich,
    das Wichtige bleibt eh abrufbereit, finde ich, und der Rest kann gerne vergehen.


    Weiterhin viel Erfolg und beste Grüße aus dem schattigen Rheinland,

    wünscht herzlich

    Saarbini


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  2. Großes Thema,
    wir schleppen halt doch mehr Ballast mit uns rum, als die Waage so zeigt.
    An diese Art von Entrümpelung muss ich auch ran...
    LG Quietschcat

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  3. Hallo,

    bei mir war es nur ein Notiz-Tagebuch, in dem ich wirklich unregelmäßig Gedanken niedergeschrieben hatte. Meine ein/zwei Tagebücher aus Jugendjahren hatte ich schon frühzeitig entsorgt, aber da stand auch echt nur Blödsinn drin, genau so ein Kram, den jede geschrieben hat, wette ich. Aber dieses Notizbuch, da habe ich so in der Zeit zwischen 18 bis ca. 35 immer mal wieder was rein geschrieben. Und ich sah nicht mich im Alter in diesem Buch schmökern, sondern irgendwann in ferner Zukunft meine Kinder. Allerdings kam mir dieser Gedanke irgendwann so absurd vor, dass ich dass Buch bereits vor längerem vernichtet habe. Ich denke nicht, dass meine Kinder mich nach der Lektüre in anderer, evtl. besserer, Erinnerung gehabt haben würden. Da arbeite ich lieber daran, sie jetzt mit guten Erinnerungen zu versorgen.

    Ich freu mich auf weitere Entrümpelungsgeschichten, sie motivieren mich!

    Schönes Wochenende
    mum@work

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  4. Gut, dass die jetzt weg sind und Du jetzt unbelastet schlafen kannst. :-)

    Alles Gute und dass nur die schönen Erinnerungen bleiben.

    soleil

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  5. Irgendwie auch traurig dein Bericht. Ich ziehe viel aus meinem Geschriebenen und den Fotos meiner Kindheit. Die Erinnerung trübt oder verblasst doch schnell. Jetzt schreibt mein Neunjähriger Tagebuch und es ist sehr kostbar. Aber ein Befreiungsschlag kann auch heilend sein.
    LG

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    1. Es tut mir Leid, wenn mein Bericht auf Dich traurig wirkt und ich kann Dir versichern, dass er nicht traurig gemeint ist. Von meiner Kindheit habe ich allein dadurch, das gerade die Kindheit meiner Kinder endet - und beide diese als schön empfanden - großen Abstand.
      Und Dank der entsorgten Tagebücher werde ich diesen auch behalten - mitsamt rosig verklärter Erinnerungen, die nun nicht mehr Gefahr laufen von störenden Fakten zersört zu werden :)

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  6. Tagebücher sind Plagebücher, hat mir jemand kommentiert, als ich geschrieben habe, dass meine Tochter beim Umzug ihres Vaters zwei Tagebücher von mir gefunden hat und ich neugierig bin, was darin steht :-)

    Ich finde deine Entscheidung klasse!

    Liebe Grüße, Hermi

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